Diagnose Endometriose

Jahrelange Schmerzen, Hilflosigkeit, Unverständnis, Fehldiagnosen und am Ende ein Wort: Endometriose

Ich bin jetzt 30 Jahre alt und ungefähr die Hälfte meines Lebens leide ich unter starken Unterleibsschmerzen. Manchmal tut mir auch der untere Rücken weh oder der ganze Bauchraum. Oft helfen mir dann nur sehr starke Schmerztabletten – in jeder Handtasche habe ich eine Packung. Bei der Arbeit waren die Schmerzen mal so stark, dass ich auf allen Vieren im Büro hockte. Meine Chefin massierte mir den Rücken, denn viel Gegendruck tut gut, ein anderer Kollege hielt die Wärmflasche gegen meinen Bauch. Heftig? Ja, das war und ist es manchmal wirklich. Einmal war ich mit einer Freundin in einem Café, da kamen die Schmerzen urplötzlich. Ich konnte gerade noch so die Damentoilette im Keller erreichen. Da saß ich dann auf dem Boden, zusammengekrümmt und musste weinen vor Schmerz. Es schien mir unmöglich, in diesem Zustand die Treppe nach oben zu gehen, zu bezahlen und einigermaßen unauffällig das Café zu verlassen. Nur mit viel Mühe und Not habe ich es geschafft. Ein Ex-Freund von mir rief ein anderes Mal sogar einen Krankenwagen.

Einige Menschen in meinem Umfeld haben mich immer etwas belächelt, konnten sich nur schwer vorstellen, dass die Schmerzen echt waren. Andere wiederum litten oft mit mir mit. So wie mein Freund und Vater meiner Tochter.

Als ich vor 2 Jahren wieder starke Schmerzen hatte, schickte er mich zur Frauenärztin. Er wollte, dass ich mich untersuchen lasse. „Das sei nicht normal“, sagte er. War es ja auch nicht. Nur das wusste ich leider nicht. Noch nicht. Jahrelang hörte ich von den Ärzten doch eh nur, dass manche Frauen einfach starke Regelschmerzen haben. Doch bei mir kamen die Schmerzen auch unabhängig von meiner Periode. Manchmal spontan, manchmal kündigten sie sich an. Ich hatte gelernt, mit ihnen zu leben. Doch an diesem Tag vor 2 Jahren ließ mein Freund nicht locker und so ging ich also zur Frauenärztin. Nach einem Ultraschall sagte sie mir dann, dass ich schwanger sei. Sie müsse zur Sicherheit noch einen Bluttest machen, das Ergebnis gäbe es am nächsten Tag, aber das bekannte schwarz/weiß Foto gab sie mir schonmal mit auf den Weg. Ich war völlig durch den Wind. Irgendwie beschwingt und völlig angsterfüllt zugleich. Ich stieg in das Auto zu meinem Freund, der vor der Praxis wartete und zeigte ihm das Bild. „Echt jetzt? Das ist ja toll!“ Er freute sich also. Ein paar Stunden später freute ich mich auch immer mehr und sah mich bereits kugelrund im Entengang in die Eisdiele watscheln. Aber es kam anders, denn das Ergebnis des Bluttests war negativ. Ich machte einen Termin – diesmal in einer anderen Praxis. Nach einem einfachen Ultraschall war klar: Das vermeintliche Baby war ein Polyp. Eine gutartige Wucherung der Gebärmutterschleimhaut, welche operativ entfernt werden sollte. Zwei Wochen später hatte ich einen OP-Termin in einer Tagesklinik. Damit hätte die Geschichte an dieser Stelle zu Ende sein können. Ist sie aber nicht. Dank einer lieben Kollegin. „Danke, Jasmin“…

Eine Woche vor dem Eingriff, bei dem der Polyp entfernt werden sollte, stellte sie bei der täglichen Themenkonferenz  das Thema Endometriose vor. Eine chronische Frauenkrankheit. Als sie die Symptome aufzählte, traute ich meinen Ohren nicht. Es war, als würde mir meine Kollegin gerade eine Diagnose auf den Leib schneidern. Am selben Tag rief ich in der Tagesklinik an und bat darum, zusätzlich zur Polypentfernung eine Endoskopie durchzuführen, denn nur mithilfe solch einer Bauchspiegelung können Endometrioseherde erkannt und entfernt werden. An dieser Stelle füge ich einen Text von der Endometriose – Vereinigung Deutschland e.V. ein, um genau zu erklären, was Endometriose überhaupt ist.

Endometriose ist eine chronische, aber gutartige Erkrankung von Frauen.
Gewebe, ähnlich dem der Gebärmutterschleimhaut (Endometrium) tritt dabei im Unterleib auf und siedelt sich dort an den Eierstöcken, Eileitern, Darm, Blase oder dem Bauchfell an. In seltenen Fällen sind auch andere Organe betroffen, wie z.B. die Lunge. In den meisten Fällen werden diese Endometrioseherde von den Hormonen des Monatszyklus beeinflusst. So können die Herde zyklisch wachsen und bluten.Die Folge davon sind Entzündungsreaktionen, die Bildung von Zysten und die Entstehung von Vernarbungen und Verwachsungen.Darüber hinaus können dieselben oder ähnliche Befunde in manchen Fällen auch ohne den Einfluss von Hormonen auftreten.Der Krankheitsverlauf ist von Fall zu Fall verschieden. Dabei stehen die Beschwerden nicht immer im direkten Verhältnis zum Grad der Ausbreitung der Endometriose.

Endometriose ist außerdem eine der häufigsten Ursachen für Unfruchtbarkeit.
Ab Eintritt der Regelblutung bis zu den Wechseljahren, aber auch danach, können Frauen von der Krankheit betroffen sein. Nach Schätzungen leiden etwa 7-15 % aller Frauen im geschlechtsreifen Alter an Endometriose. Das sind in Deutschland etwa 2-6 Mio. Frauen. Mehr als 30.000 Frauen erkranken jährlich an Endometriose.

Dennoch wird die Krankheit leider immer noch viel zu wenig beachtet, und es vergehen vom Auftreten der ersten Symptome bis zur Diagnosestellung im Mittel 6 Jahre (bei Sterilitätspatientinnen 3 Jahre, bei Schmerzpatientinnen bis zu 10 Jahre!). Da Endometriose eine sehr komplexe Erkrankung ist, können die Symptome und Folgen sehr vielfältig sein.

Oft beschriebene Beschwerden und Symptome:

Bauch- und Rückenschmerzen, die oft auch in die Beine ausstrahlen, vor und während der Menstruation
Starke und unregelmäßige Monatsblutungen
Schmerzen während und nach dem Geschlechtsverkehr
Schmerzen bei gynäkologischen Untersuchungen
Schmerzen während des Eisprungs
Plötzliche Ohnmachtsanfälle im Zusammenhang mit Menstruationsschmerzen
Blasen- und Darmkrämpfe
Schmerzen bei Blasen- und Darmentleerung sowie bei Darmbewegungen
Zyklische Blutungen aus Blase oder Darm
Ungewollte Kinderlosigkeit
Verbunden mit diesen Symptomen können sein:

Müdigkeit und Erschöpfung
Vermehrtes Auftreten von Allergien und anderen Autoimmunerkrankungen
Erhöhte Infektanfälligkeit während der Menstruation
Symptome, die während der ärztlichen Untersuchung feststellbar sind:

Zysten
Verwachsungen und Narben
Unklare Unterbauchschmerzen, die mehrmals ohne Besserung als Entzündung behandelt wurden
Sollte eine solche oder ähnliche Symptomkombination bei Ihnen vorhanden sein, sprechen Sie Ihre Ärztin oder Ihren Arzt auf Endometriose an. Scheuen Sie sich nicht, auch eine zweite ärztliche Meinung einzuholen.

Am Tag der Operation hatte ich gemischte Gefühle. Ich war froh, dass ich vielleicht endlich einen Namen für mein Leiden gefunden hatte, aber ich hatte auch Angst vor der Diagnose. Der Polyp war völlig unwichtig. Ich wollte einfach nur wissen, ob die Ärzte bei mir Endo-Herde finden würden. Und sie fanden sie. Mehr als fünf sogenannte Herde wurden verödet, mit einem Brennstab weggelötet. Klingt nicht sehr medizinisch, aber so wurde es mir nach der OP erklärt. Nie werde ich vergessen, wie eine Schwester zu mir in den Aufwachraum kam und mir mitteilte, dass sie mir mehrere Herde entfernt hätten. Ich höre mich noch sagen: „Also heißt das jetzt, ich habe Endometriose?“ Nicht besonders feinfühlig, aber immerhin, ich wusste nun, was für meine jahrelangen Schmerzen verantwortlich war. Doch an die dachte ich jetzt nicht. Ich hatte nur noch ein Wort im Sinn: Unfruchtbarkeit. Immer, wenn ich in den Tagen vor der OP nach Endometriose googelte, fiel mir dieses Wort ins Auge. Zahlreiche Frauen tauschten sich mit ihren unerfüllten Kinderwunsch-Geschichten in diversen Foren aus. Und ich war nun Eine von ihnen. Zumindest hatte ich die Diagnose. Ein Leben ohne Kinder? Das war für mich nie eine Option. Mein Traum war es immer, eine große Familie zu haben. Und jetzt? Hatte ich ausgeträumt?

Die Wochen nach der Operation war ich gar nicht gut drauf. Ich fing manchmal einfach an zu weinen, weil ich solche Angst hatte, keine Kinder kriegen zu können. Das war für mich, aber auch für meinen Freund, keine einfache Zeit. Plötzlich sah ich überall nur glückliche, schwangere Frauen. Obwohl ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht allzu sehr den Wunsch nach einem Kind verspürte, wollte ich nun am besten sofort Mama werden. Ich wollte die Gewissheit haben, dass ich nicht zu den 70% Frauen gehöre, die aufgrund der Endometriose unfruchtbar sind.

Also warum warten? Damit die blöde Endometriose nach der Operation wieder wächst und die Chancen, schwanger zu werden noch mehr sinken? Nein. Ich setzte also die Pille ab, denn wir wollten es versuchen und wir waren optimistisch.

Das war eine aufregende Zeit. In regelmäßigen Abständen kaufte ich Schwangerschaftstests. Mit jedem negativen Test stieg meine Angst. Doch dann, nach nur sechs Monaten zeigte sich der kleine rosa Strich, der das schönste Geschenk der Welt ankündigte. Ich war so glücklich und aufgedreht. Was für ein Moment!

Im Juli 2015 brachte ich meine kleine Tochter Karlein zur Welt, trotz Endometriose.

Eine mir sehr nahestehende Person fragte mich vor ein paar Tagen, warum ich solch einen persönlichen Beitrag Posten möchte. Ganz einfach: Ich möchte den Frauen da draußen Mut machen. Ich möchte ihnen Mut machen, erstens: sich bei den oben genannten Symptomen auf Endometriose untersuchen zu lassen und ich möchte Frauen mit einer bestehenden Endometriose-Diagnose Mut machen, an sich zu glauben. Denn zum Kinderkriegen gehört auch ein gesunder Geist. Man darf sich nicht entmutigen lassen von irgendwelchen Prozentzahlen. Außerdem möchte ich den Frauen, die tatsächlich aufgrund ihrer Erkrankung keine Kinder kriegen können, sagen, dass ich oft an sie denken muss und ich weiß, was für ein Glück ich hatte und habe und das ich mir für sie wünsche, dass es bald medizinische Lösungen geben wird.

Und noch etwas möchte ich an dieser Stelle sagen. Ich habe ein Jahr, bevor ich schwanger geworden bin, kein Alkohol mehr getrunken, habe aufgehört zu Rauchen und zudem vegan gegessen. Dein Pech, könnten böse Zungen jetzt behaupten, aber ich bin mir sicher, dass ich trotz der Endometriose so schnell schwanger geworden bin, hängt auch damit zusammen, dass mein Körper nicht davon abgelenkt war, unnötige Gifte zu bekämpfen. Eine individuelle Entscheidung, die ich auch gar nicht im Hinblick auf eine Schwangerschaft getroffen hatte, die aber dennoch hilfreich war, glaube ich.

Viele fragen mich, ob die Endometriose nach der Schwangerschaft nun verschwunden sein. Nein, das ist sie nicht, wird sie auch nicht, denn diese Krankheit ist chronisch. Mit der Einnahme der Pille, kann das Wachstum der Herde verlangsamt werden, aber die Krankheit bleibt. Vielleicht ist sie jetzt weniger stark, vielleicht ist sie aber auch noch stärker geworden. Das kann man nicht wissen. Aber ich bleibe optimistisch und vielleicht bekomme ich mit dieser Einstellung ja noch ein zweites Geschenk….

 

Informationen über Endometriose findet ihr unterhttp://www.endometriose-vereinigung.de/willkommen.html>

 

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